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Da weinte Jesus (Joh 11,35) – Monatsspruch März 2026
Es ist der kürzeste Satz der Bibel: Jesus weinte. Doch warum weint Jesus? Das ist
eine berechtigte Frage, denn dass Jesus Tränen zeigt, wird in den Evangelien lediglich zwei Mal berichtet. Die emotionale Reaktion des „eingebornen Sohns“
(Joh 1,14) ist hier in eine sonderbare Szene eingebettet. Lazarus, der Bruder von
Maria und Martha, ist verstorben. Den beiden Frauen wusste Jesus sich verbun den; in ihrem Haus war er oft zu Gast. Von Lazarus heißt es sogar, dass Jesus ihn
lieb gehabt habe (11,3). Es erscheint befremdlich, dass Jesus von Lazarus
Krankheit wusste, aber trotzdem nicht zu ihm geht. Erst vier Tage nach seinem
Tod trifft er dann ein. Martha geht ihm entgegen und sagt: Wärst du hier
gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Auch Maria sagt später das
Gleiche zu ihm. Sie und die Menschen herum weinen. Doch weint Jesus nun, weil
er vom Tod des Freundes überwältigt wird, oder weil er von der Traurigkeit der
anderen ergriffen ist, oder weil er erkennt, dass er viel zu spät kam? Keine dieser
Fragen führt in die richtige Richtung. Dem Kontext können wir entnehmen, dass
Jesus auf besondere Weise von Lazarus‘ Tod wusste (Joh 11,14). Jesus spricht:
„Lazarus, unser Freund schläft, aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken.“ Und es
scheinen auch andere Emotionen im Spiel zu sein als nur Ergriffenheit und
Traurigkeit. Seinem Weinen geht voraus, dass er im Geist ergrimmte und erbebte
(11,34), dass er in seinem Inneren erregt und erschüttert war. Warum, bleibt
schwer zu sagen.
In der Psychotherapie wird die „Warum-Frage“ durch die Frage nach der Bedeu-
tung von Äußerungen ersetzt. Nicht die inneren Gründe, die meist verborgen blei-
ben, stehen im Vordergrund, sondern die Bedeutung einer Reaktion für Andere,
für das System, in dem ein Mensch sich befindet. Also, was bedeuten die Tränen
Jesu für Maria und Martha, für die umstehenden Menschen, für seine Jünger?
Vermutlich sehr Unterschiedliches. Die Schwestern könnten sie als echtes Mitge-
fühl deuten. So verstehen es auch die umstehenden Menschen: „Schaut, so lieb
hat er ihn gehabt, er weint sogar.“ (11,36) Andere deuten sie als Hilflosigkeit und
seine Jünger vielleicht als Wut über den Verlust. Alles ist möglich. Alles ist auch
typisch menschlich.
Ich glaube die entscheidende Frage lautet: Was bedeuten die Tränen Jesu für den
Tod und für Lazarus? Wer dann weiter liest, bekommt eine deutliche Antwort: Für
den Tod bedeuten die Tränen das Ende und für Lazarus das Leben. Jesu Weinen sprengt das vertraute System einer begrenzten Welt. In seinen Tränen bricht sich
das Licht der schöpferischen Kraft Gottes. Hier zeigt sich bereits die Auferstehung
des Herrn, welche die ganze Schöpfung verwandeln wird. Die Tränen sind nicht
nur ein Ausdruck für das, was in Jesus los ist, sondern auch ein Zeichen dafür, wie
er diesen Kosmos von innen verändert. Sie bedeuten Zuversicht und Hoffnung angesichts von Endgültigkeit und Tod. Was für schöne Tränen!

Euer Lokalpastor Dr. H. Belke

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